LA VIEILLE … REBELLION der ALTEN DAME

Der November empfing Marie Durand mit einer Härte, die sie an die Grenzen ihrer Belastbarkeit führte. Der Wind war nun kein Begleiter mehr, er war ein Gegner, der mit unerbittlicher Kälte durch ihre Kleidung drang. Marie war zurück an der Raz de Sein, jenem Ort, den sie bereits im Mai bei ihrem Blick auf Tévennec als „Totenreich“ kennengelernt hatte. Doch ihr Ziel in diesem Monat war der stolze Gegenpart zum verfluchten Haus: der Phare de la Vieille.

Schon der Name – „Die Alte“ – klang in Maries Ohren wie eine Mischung aus Respekt und Furcht. Als sie auf den Klippen der Pointe du Raz stand und hinaus auf den Felsen Gorlebella, „der entfernteste Fels“, blickte, sah sie einen Turm, der in seiner architektonischen Pracht fast fehl am Platz wirkte. La Vieille ist kein schlichter Zylinder; er ist ein quadratischer Bau mit Zinnen und kunstvollen Steinmetzarbeiten, der wie eine einsame Schachfigur im tosenden Weiß der Brandung steht.

Marie klammerte sich an ihr Notizbuch, während die Böen versuchten, ihr die Seiten zu entreißen:

„Man nennt sie die alte Dame, doch wer sie in diesem Novemberlicht sieht, erkennt eine Furie. Sie steht inmitten des ‚Mahlstroms‘, wo die Strömung so stark ist, dass das Wasser tiefe Furchen und Wirbel bildet, als würde der Ozean selbst versuchen, den Felsen zu verschlingen. La Vieille ist nicht einfach ein Leuchtturm – sie ist eine Festung der Zivilisation, die sich weigert, vor der schieren Masse des Atlantiks in die Knie zu gehen. Ihr Licht ist der einzige Ankerpunkt für die Kapitäne, die es wagen, diese Passage zu durchqueren, in der schon tausende Schiffe ihr Ende fanden.“

In den Aufzeichnungen von Monsieur Valois, ihrem Chefredakteur, hatte Marie von der wohl dramatischsten Ablösung in der Geschichte der französischen Leuchttürme gelesen. Im Jahr 1926 tobte ein so gewaltiger Wintersturm, dass die beiden Wärter auf La Vieille über Wochen nicht abgelöst werden konnten. Die Männer waren erschöpft, krank und ihre Vorräte gingen zur Neige. Da kein Boot anlegen konnte, wurden zwei junge Männer vom Festland – zwei mutige Bretonen – ausgewählt, um das Unmögliche zu wagen. In einer lebensgefährlichen Aktion wurden sie an Seilen durch die kochende Brandung auf den Felsen gezogen. Marie notierte mit angehaltenem Atem:

„Ich stelle mir vor, wie diese Männer wie kleine Spielzeugfiguren zwischen den gigantischen Wellenwänden hingen. Ein einziger Fehler, ein Reißen des Seils, und sie wären in den Granitschlund der Raz de Sein gerissen worden. Diese Geschichte ist das Herz von La Vieille: Es geht nicht um die Steine, es geht um das Fleisch und das Blut derer, die bereit waren, füreinander durch die Hölle zu gehen.“

In ihrem Bericht für die „La Lanterne du Nord“ vertiefte sie sich in die Einsamkeit des Turms:

„Das Innere von La Vieille ist überraschend wohnlich, fast schon herrschaftlich. Es gibt holzgetäfelte Wände und eine Atmosphäre, die fast an ein gemütliches Arbeitszimmer erinnert. Doch dieser Schein trügt. Wenn der Novembersturm gegen die Mauern schlägt, vibriert der gesamte Bau bis in das Fundament. Die Wärter erzählten, dass man das Gefühl hat, in einer riesigen Glocke zu sitzen, die ununterbrochen geschlagen wird. Die psychische Belastung durch das ewige Brüllen des Meeres und die Isolation auf diesem winzigen Felsen ist kaum vorstellbar. Man muss aus einem besonderen Holz geschnitzt sein, um hier nicht den Verstand zu verlieren.“

Marie sprach mit einem alten Seemann in Audierne, der die „Alte Dame“ seit seiner Kindheit kannte. Er erzählte ihr, dass La Vieille erst 1995 automatisiert wurde – als einer der letzten großen Türme. Die Wärter verließen sie nur ungern. „Sie ist eine strenge Herrin“, sagte er, „aber sie hat uns nie im Stich gelassen. Wenn du ihr Licht siehst, weißt du, dass du noch eine Chance hast.“

Als die Dämmerung des späten Novembernachmittags hereinbrach, sah Marie, wie die Optik zum Leben erwachte. Das Feuer von La Vieille – drei weiße Blitze, gefolgt von einem roten Sektor, der die gefährlichen Klippen markiert – schnitt durch die aufpeitschende Gischt.

„Sie ist die Wächterin über Leben und Tod“, schrieb Marie als letzten Satz in ihr Tagebuch. „Während die Welt an Land sich im November in ihre Häuser zurückzieht, steht die Alte Dame hier draußen im Sturm und hält die Wacht. Sie ist das ewige Versprechen der Bretagne: Wir weichen nicht zurück.“

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Geschichte: Hans Peylo
2026
NOVEMBER