Der Mai führte Marie Durand an einen Ort, an dem der Ozean und das Land in einem ewigen, grausamen Krieg zu liegen scheinen: die Raz de Sein. Hier, in einer der gefährlichsten Meerengen der Welt, suchte sie nach Tévennec. Schon bei ihrer Ankunft in Audierne spürte sie die Veränderung der Atmosphäre. Die heitere Leichtigkeit von La Perdrix war verflogen. Die Fischer im Hafen sprachen nur gedämpft über den Turm, der auf einem kahlen Felsen mitten im mahlenden Strom hockt. Tévennec sieht anders aus als die stolzen, runden Türme der Küste. Er gleicht eher einem einsamen Wohnhaus mit einem kleinen quadratischen Turmanbau, das wie eine einsame Kapelle über den Abgrund wacht. Doch die Idylle trügt auf eine Weise, die Marie frösteln ließ. Marie notierte mit sichtlich zitternder Hand in ihr Tagebuch, während sie von einer Klippe aus auf den fernen Felsen blickte: „Man sagt, die Schreie der Schiffbrüchigen hängen hier noch immer im Nebel fest. In den Archiven habe ich Berichte gelesen, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließen. Tévennec hat keinen seiner Wärter verschont. Er ist nicht nur ein Leuchtturm – er ist ein Exil für die Seele.“ Sie vertiefte sich in die dunklen Chroniken des Ortes. Seit seiner Inbetriebnahme im Jahr 1875 schien ein Fluch auf dem Felsen zu lasten. Der erste Wärter, Henri Porsmoguier, hielt es nur wenige Monate aus. Er behauptete, Stimmen im Wind zu hören, die aus den Felsspalten drangen und ihm auf Bretonisch zuraunten: „Kuit, kuit, amann emañ ma flas!“ – „Geh weg, geh weg, das hier ist mein Platz!“. Er wurde wahnsinnig. Doch die Geschichte, die Marie am meisten erschütterte, war die von Louis Quéméré und seiner Frau. Da man keine einsamen Männer mehr finden konnte, die auf Tévennec bleiben wollten, erlaubte man Familien den Dienst. Quéméré lebte dort mit seiner Frau und seinen Kindern. Als er mitten in einem Wintersturm plötzlich verstarb, musste seine Frau die Leiche in einem Fass mit Pökelsalz konservieren und wochenlang mit ihren Kindern und dem toten Ehemann auf dem engen Felsen ausharren, weil kein Boot die tosende Brandung durchbrechen konnte. Marie schrieb weiter: „Ich blicke durch mein Fernrohr auf die blinden Fenster dieses Hauses. Es gibt keine Blumen dort, keine Anzeichen von Leben, nur den nackten, salzverkrusteten Stein. Die Einheimischen flüstern, der Felsen sei ein ‚Ankou‘ – ein Diener des Todes, der die Seelen der Ertrunkenen sammelt. Man baute den Turm, um Leben zu retten, doch er scheint nur den Schmerz derer aufzusaugen, die dort stationiert waren.“ In ihren Aufzeichnungen für die „La Lanterne du Nord“ hielt sie fest, dass Tévennec bereits 1910 automatisiert wurde – als einer der ersten Türme überhaupt. Nicht aus technischem Fortschritt, sondern weil die Behörden schlicht niemanden mehr fanden, der bereit war, auf diesem verfluchten Felsen zu leben. Als am Abend das Licht von Tévennec im fahlen Grau des Nebels aufblitzte, fühlte Marie eine Kälte, die tief unter ihre Haut kroch. „Es ist die Stille derer, die nie heimgekehrt sind“, notierte sie als letzten Satz für diesen Monat. Sie wusste, dass sie diesen Ort so schnell wie möglich verlassen musste. Ihr nächstes Ziel, der gewaltige Créac’h auf der Insel Ouessant, versprach zumindest die Rückkehr zur menschlichen Zivilisation und zur schieren Kraft des Lichts.