Der Dezember legte sich mit einer stillen, frostigen Melancholie über die Bretagne. Für Marie Durand war es der zwölfte und letzte Monat einer Reise, die sie körperlich und seelisch verändert hatte. Sie hatte die „Höllen“ des Atlantiks gesehen, hatte in Ar-Men die Einsamkeit gespürt und in La Vieille die Ehrfurcht gelernt. Zum Abschluss suchte sie einen Ort auf, der wie kein anderer die natürliche Schönheit der bretonischen Küste verkörpert: den Phare de Mean-Ruz, auch bekannt als Leuchtturm von Ploumanac’h.
Als Marie den Küstenpfad der Côte de Granit Rose entlangging, bot sich ihr ein Anblick, der sie innehalten ließ. Die bizarren Felsformationen aus rosa Granit, die über Jahrmillionen von Wind und Wellen in fantastische Formen geschliffen worden waren, glühten im fahlen Licht der Wintersonne. Mittendrin, auf einer Anhöhe direkt über den Klippen, stand der Turm. Er war nicht grau wie die Festungen des Westens, sondern aus demselben rötlichen Stein erbaut wie die Küste selbst.
Marie setzte sich auf einen flachen Felsen, strich sich die kalten Haare aus der Stirn und öffnete ihr Journal zum letzten Mal:
„Mean-Ruz ist die Vollendung dieser Reise. Er ist kein Fremdkörper, kein künstlicher Eingriff in die Natur. Er wirkt, als hätte der Ozean selbst diesen Granitblock über Jahrtausende geformt, bis er die Gestalt eines Wächters annahm. In der Dezemberkälte wirkt sein rötlicher Schimmer wie eine warme Glut, die aus dem Boden der Bretagne aufsteigt. Er markiert nicht nur eine Fahrrinne; er markiert die tiefe Verbundenheit zwischen dem Land, dem Stein und den Menschen, die hier leben.“
Marie erinnerte sich an die Berichte über die Zerstörung des alten Turms im Jahr 1944. Wie so viele andere Lichter der Küste war auch der ursprüngliche Mean-Ruz ein Opfer des Krieges geworden. Doch die Bewohner von Ploumanac’h hatten darauf bestanden, den neuen Turm im Jahr 1947 aus dem lokalen Granit zu errichten. Marie verstand nun, warum: Es ging um Identität. Dieser Stein war ihr Fleisch und Blut.
In ihrem finalen Bericht für die „La Lanterne du Nord“ in Roubaix schrieb sie:
„Ich kam im Januar als Journalistin, die Fakten und Daten suchte. Ich gehe im Dezember als eine Frau, die verstanden hat, dass ein Leuchtturm weit mehr ist als eine Optik und ein Leuchtmittel. Hier am Mean-Ruz schließt sich der Kreis. Während die großen Türme auf hoher See gegen die Vernichtung kämpfen, feiert dieser Turm die Beständigkeit. Das Licht, das hier jede Nacht in einem rhythmischen Weiß-Rot über die rosa Klippen streicht, ist der Pulsschlag einer ganzen Region. Es ist das Signal, das sagt: Wir sind noch hier. Wir leuchten noch immer.“
Bevor sie sich auf den Weg zum Bahnhof machte, blieb sie bis zum Einbruch der Dunkelheit. Das Licht von Mean-Ruz erwachte – ein sanfter, aber bestimmter Strahl, der die fantastischen Felsgestalten um ihn herum in ein schattenhaftes Theater verwandelte.
„Die Reise endet hier“, notierte sie auf der allerletzten Seite. „Aber das Licht bleibt. Es brennt in der Dunkelheit von Ar-Men, im Prunk von Kéréon und in der Stille dieses rosa Granits. Monsieur Valois, mein Chef, hatte recht: Die Bretagne wird nicht vom Meer regiert, sondern von den Lichtern, die ihm trotzen.“
Mit einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit schloss Marie Durand ihr Notizbuch. Was sie auf ihrer Reportagereise in einem Jahr erfahren und gesehen hatte, das würde für sie mehr bedeuten als nur einen journalistischen Auftrag erfüllt zu haben. Im Norden, in Roubaix, wo sie wohnte und arbeitete, würden die Menschen durch ihre Reportagen ein anderes Bewußtsein gegenüber diesen faszinierenden maritimen Bauwerken der Bretagne bekommen haben. Die "Lanterne du Nord", ihre Zeitung, hatte die Aufgabe, Licht ins Dunkle zu bringen, erfüllt.