PIERRES NOIRES … WÄRTER der PIRATEN

Der Oktober brachte die ersten Vorboten der schweren Herbststürme in die Bretagne. Die Luft war nun scharf und salzig, und der Himmel über der Iroise-See wechselte ständig zwischen einem dramatischen Anthrazit und einem flüchtigen, kalten Gold, das wie verwaschenes Messing auf den Wellen lag. Marie Durand reiste zum Kap von Saint-Mathieu, wo die Ruinen der alten Abtei wie versteinerte Finger in den Himmel ragen. Von hier aus blickte sie hinaus auf den Phare des Pierres Noires, jenen Wächter, der die südliche Einfahrt in den berüchtigten Chenal du Four markiert.

Als Marie den Turm durch ihr Objektiv fixierte, fiel ihr sofort die ungewöhnliche, fast schon aggressive Farbgebung auf. Während viele Türme im schlichten Grau des Granits verharren, trägt dieser Turm einen leuchtend roten Kopf. Er steht auf einem Feld aus tückischen, schwarzen Felsen, die wie die Rücken von schlafenden Urzeitmonstern nur knapp unter der Wasseroberfläche lauern.

Marie notierte in ihr Journal, während die Gischt der Brandung wie feiner Staub zu ihr auf die Klippen emporstieg:

„Die ‚Schwarzen Steine‘ tragen ihren Namen zu Recht. Es ist ein Labyrinth aus Granitnadeln, das im Laufe der Jahrhunderte unzählige Schiffe aufgeschlitzt hat. Der Leuchtturm ragt aus diesem Chaos empor wie eine blutige Warnung in der Dämmerung. In der lokalen Folklore heißt es, dass jeder dieser schwarzen Felsen die Seele eines Seemanns beherbergt, der hier sein Ende fand. Wenn die Strömung bei Ebbe an den Steinen reißt, hört man ein tiefes Gurgeln und Zischen – die Alten sagen, es seien die Toten, die versuchen, ihre Geschichten zu erzählen. Der rote Kopf des Turms wirkt in diesem düsteren Szenario wie ein magisches Siegel, das versucht, das Unheil zu bannen.“

Sie hatte in den Archiven von Brest von der Einweihung im Jahr 1872 gelesen. Der Bau war eine logistische Geisterfahrt, da die Felsen so zerklüftet und scharfkantig sind, dass kaum ein Boot sicher anlegen konnte. Marie faszinierte die architektonische Ähnlichkeit zu La Jument, doch Pierres Noires wirkte auf sie noch isolierter, fast schon wehmütig in der herbstlichen Dünung, als wäre er dazu verdammt, für alle Ewigkeit über einen Friedhof zu wachen.

In ihrem Bericht für die „La Lanterne du Nord“ schrieb sie mit einem Schauer:

„Man nennt diesen Turm oft den Bruder von La Jument, doch er hat eine dunklere Seele. Während La Jument gegen die offene Wucht des Atlantiks kämpft, muss Pierres Noires die Kapitäne durch ein wahres Minenfeld aus versteckten Riffen leiten. Es gibt Legenden über das ‚Licht der Verdammten‘, ein falsches Feuer, das Geisterschiffe in nebligen Oktobernächten an die Klippen gelockt haben soll, bevor der Turm erbaut wurde. Die Wärter hier führten ein Leben in ständiger spiritueller Isolation. Ich las Berichte über Nebelnächte, in denen das Horn des Turms ununterbrochen dröhnte – ein markerschütternder, tiefer Ton, der wie der Schrei einer gequälten Kreatur kilometerweit über das Wasser schallte. Es hieß, das Horn sollte nicht nur die Schiffe warnen, sondern auch die Geister der Tiefe vertreiben.“

Besonders berührte Marie die fast schon rituelle Gefahr der Ablösungen. Bei schwerem Seegang war es unmöglich, den Turm über eine Leiter zu betreten. Die Wärter wurden an einem dicken Tau, dem sogenannten „Cartahu“, zwischen dem wild schwankenden Boot und dem Turm hin- und hergezogen. Ein falscher Moment, eine zu hohe Welle, und der Mann zwischen den Seilen wäre wie eine Puppe gegen den harten Granit geschmettert worden. Marie stellte sich vor, wie es sein musste, im peitschenden Oktoberwind an diesem Seil über dem kochenden Abgrund zu hängen, während unter einem die „Schwarzen Steine“ im Wasser nach einem griffen.

Sie traf einen pensionierten Wärter in einer kleinen Kneipe in Le Conquet. Er erzählte ihr mit gesenkter Stimme, dass man auf Pierres Noires nie wirklich allein war. „Manchmal“, sagte er und starrte in sein Glas Calvados, „hörst du jemanden die Treppe hinaufsteigen, obwohl dein Kollege oben in der Laterne ist. Es ist kein böser Geist, es ist nur die Erinnerung des Steins an all das Leid, das er gesehen hat, bevor das Licht kam.“

„Pierres Noires ist der stumme Zeuge der menschlichen Beharrlichkeit gegen das Unaussprechliche“, schrieb Marie als letzten Satz für diesen Monat. „Er steht dort, wo kein Mensch sein sollte, und tut genau das, was ein Mensch tun muss: der Dunkelheit ihre mystische Grausamkeit nehmen und sie in messbare Sicherheit verwandeln.“<7p>

Als sie am Abend sah, wie der rote Blitz alle fünf Sekunden über die schwarzen Riffe schnitt, begriff sie, dass dieser Turm nicht nur eine technische Anlage war. Er war ein Exorzismus aus Stein und Glas, der die Seeleute vor den Geistern der Vergangenheit bewahrte.

Geschichte: Hans Peylo
2026
OKTOBER