KÉRÉON … PALAST der UNTERWELT

Nach der schroffen, fast schon kriegerischen Härte des Chenal du Four im Februar, führte Marie Durands Reise sie im März tiefer in das Herz der Iroise-See. Ihr Ziel war die Insel Ouessant, doch ihr Blick richtete sich nicht auf die weiten Klippen der Insel selbst, sondern nach Südosten, dorthin, wo die Passage von Fromveur liegt. Der Name „Fromveur“ stammt aus dem Bretonischen und bedeutet „großer Schrecken“. Es ist eine Meerenge, in der die Strömungen mit bis zu neun Knoten reißen und das Wasser in ständiger Aufruhr halten. Inmitten dieser gewaltigen Energie, auf dem zänkischen Felsen Men Tensel, thronte ihr nächstes Ziel: der Phare de Kéréon.

Bevor Marie die Überfahrt wagte, hatte ihr Chefredakteur Monsieur Valois ihr eine handgeschriebene Notiz in die Tasche gesteckt: „Kéréon ist ein Paradoxon, Marie. Er ist die Antithese zur nackten Gewalt des Ozeans. Außen die Hölle, innen ein Schloss. Finden Sie heraus, warum man mitten im Nichts einen Palast errichtet.“

Als Marie in den Archiven von Ouessant die Baupläne und die private Korrespondenz der Erbauer studierte, stieß sie auf eine Geschichte, die mehr nach einem Roman klang als nach nüchterner Ingenieurskunst. Der Bau des Turms, der 1907 begann, war ursprünglich als bescheidene Betontonne geplant gewesen. Doch dann geschah etwas Unerwartetes: Die Erbin Madame Jules Le Baudry bot dem Staat eine gewaltige Summe von 585.000 Francs an. Die einzige Bedingung war, dass der Leuchtturm den Namen ihres Urenkels tragen sollte: Charles-Marie Le Dall de Kéréon, 19 Jahre alt, Fähnrich eines königlichen Schiffes und – so ließ Madame Le Baudry verlauten – ein Offizier, der 1794 im Krieg gefallen war. Gefallen? Marie stutzte verwirrt. In den offiziellen Analen stand etwas ganz anderes. Der Fähnrich war angeklagt wegen Verschwörung und starb als Verschwörer unter der Guillotine. So war das also, dachte die Journalistin, auch damals regierte Geld wohl schon die Welt wobei manche peinliche Tatsache unter den Tisch fiel. Glück für den Turm, und was für eins!

Marie notierte fasziniert in ihr Tagebuch:

„Ich stehe hier an der Küste und blicke durch das Fernrohr auf diesen Granitkoloss, während ich in den Unterlagen über Intarsien aus Ebenholz und Eiche lese. Es ist kaum zu glauben: Inmitten der gewaltigsten Strömung Europas, wo die Wellen bei Sturm bis zur Laterne in 38 Metern Höhe hinaufschlagen, liegt ein Boden aus Eichenparkett mit einer kunstvoll eingelegten Windrose aus Mahagoni und Ebenholz. Die Wände der Wachstube sind mit kostbarem Holz aus Ungarn getäfelt, kostbare Kronleuchter erhellen den Raum, die Treppengeländer aus poliertem Messing glänzen wie in einem Pariser Opernhaus. Kéréon ist ein Denkmal für den unbezwingbaren Stolz der menschlichen Zivilisation inmitten des absoluten Chaos.“

Sie stellte sich die Wärter vor, die hier bis zum 29. Januar 2004 Dienst taten. Kéréon war der letzte bemannte „Höllenturm“ Frankreichs. In ihren schweren Wollpullovern saßen die Männer in einer Stube, die einer herrschaftlichen Bibliothek glich. Marie las von Brian O’Rourke und Jean-Philippe Rocher, den letzten beiden Wärtern, die den Turm mit schwerem Herzen verließen. Für sie war der Turm kein Gefängnis gewesen, sondern eine Schule des Lebens. Es war ein bizarrer Kontrast: feinster polierter Boden unter den Füßen, auf dem man nur in Socken laufen durfte, um das Holz zu schonen, und der tobende Abgrund nur wenige Zentimeter hinter der meterdicken Granitmauer.

„Man verlässt einen Palast nicht gern“, schrieb Marie am Ende des Tages, während sie den Blick nicht von dem grauen Riesen lassen konnte. Sie erfuhr, dass der Zugang zum Turm so gefährlich war, dass die Wärter oft per Seilwinde und in einem sogenannten „Ballon“ von den schwankenden Booten auf den Turm gehievt werden mussten, ein akrobatischer Akt zwischen Leben und Tod, und das oft bei Windstärken, die jeden normalen Menschen in die Knie gezwungen hätten.

Als die Dämmerung im März einsetzte und das Licht zum ersten Mal aufblitzte – ein weißer und ein roter Sektor, der die Passage sicher markierte – wirkte es auf Marie wie ein majestätischer Herzschlag im tiefen Blau des Meeres. Kéréon war kein bloßes Signal für Schiffe; es war ein Statement gegen die Vergänglichkeit und ein Beweis dafür, dass Schönheit selbst an den dunkelsten Orten der Welt überdauern kann.

Geschichte: Hans Peylo
2026
MÄRZ