CROISIC … PFAD der DEMUT

Im August führte der Weg von Marie Durand sie weit in den Süden, dorthin, wo die Bretagne allmählich in das Pays de la Loire übergeht. Die Landschaft hatte sich gewandelt: Die dramatischen, schwindelerregenden Klippen des Nordens waren sanfteren Linien gewichen. Hier, in der Nähe der berühmten mittelalterlichen Stadt Guerande, bestimmen die weiten Salzgärten das Bild – ein Mosaik aus Wasserbecken, in denen das weiße Gold der Bretagne, das Fleur de Sel, unter der heißen Augustsonne auskristallisiert. Inmitten dieser flirrenden Hitze suchte Marie nach dem Phare du Tréhic, dem Leuchtturm von Le Croisic.

Um zum Turm zu gelangen, musste Marie einen fast 900 Meter langen Spaziergang auf der gewaltigen Steinmole von Tréhic auf sich nehmen. Die Mole ragt wie ein schützender Arm in den Atlantik hinaus, um den Hafen von Le Croisic vor den Launen der Gezeiten zu bewahren.

Marie suchte sich einen Platz auf den warmen Steinen der Mole, während die Augustsonne das Wasser in ein blendendes Silber tauchte:

„Le Croisic ist der Leuchtturm der Zivilisation. Er steht nicht als einsamer Kämpfer im tosenden Ozean, sondern als eleganter Wegweiser am Ende eines langen Weges. Mit seiner weißen Fassade und der grünen Laterne wirkt er fast wie ein Schmuckstück, das die Grenze zwischen dem geschäftigen Hafen und der Unendlichkeit des Meeres markiert. Er ist der Navigator für die schweren Salzschiffe, die seit Jahrhunderten diese Gewässer kreuzen, um das kostbare Gut der Region in die ganze Welt zu tragen.“

Marie beobachtete die zahlreichen Touristen und Einheimischen, die auf der Mole flanierten. Hier war die Atmosphäre eine ganz andere als an den stürmischen Klippen des Finistère. Kinder lachten, Angler hielten geduldig ihre Ruten ins Wasser, und der Duft von Crêpes und Meeresfrüchten wehte vom Hafen herüber. Doch Marie wusste, dass auch dieser charmante Turm eine ernste Geschichte zu erzählen hatte.

Sie vertiefte sich in die Baugeschichte der Mole, die über 100 Jahre andauerte. Der Turm selbst, 1872 vollendet, war die Antwort auf die zunehmende Bedeutung des Hafens. Marie notierte in ihr Journal:

„Man darf sich von der Urlaubsstimmung nicht täuschen lassen. Die Einfahrt nach Le Croisic ist tückisch; unter der Oberfläche lauern Felsen, die nur darauf warten, einen unachtsamen Kapitän zu bestrafen. Der Tréhic-Turm ist die ruhige Stimme der Vernunft in diesem flachen, glitzernden Gewässer. Er erzählt von der mühsamen Arbeit der Salzbauern und der Fischer, deren Leben vom Rhythmus der Ebbe und Flut bestimmt wird. Sein Licht ist kein Warnschrei, sondern ein freundlicher Gruß, der sagt: ‚Du bist fast zu Hause‘.“

Marie sprach mit einem alten Salzbauer, dessen Haut von der Sonne und dem Salz so gegerbt war wie das Leder ihrer eigenen Stiefel. Er erzählte ihr, dass das Licht des Tréhic für sie mehr war als nur eine Navigationshilfe. „Wenn wir im Sommer bis spät in die Nacht in den Salzbecken arbeiten“, sagte er, „dann ist das grüne Blinken da draußen wie ein treuer Kamerad, der mit uns wacht.“

In ihrem Bericht für die „La Lanterne du Nord“ hielt Marie fest:

„Während die großen Türme des Westens Monumente der Angst und des heroischen Widerstands sind, ist Le Croisic ein Monument des Alltags und des Handels. Er ist der Beweis, dass das Licht des Menschen dort am schönsten brennt, wo es das tägliche Leben schützt. Wenn die Augustnächte lau sind und der Mond sich im ruhigen Wasser spiegelt, wirkt das rhythmische grüne Licht des Turms wie ein Smaragd, der in der Dunkelheit verloren gegangen ist.“

Mit dem Geschmack von Salz auf den Lippen und der Wärme des Steins noch in den Knochen schloss Marie ihr Kapitel für den August. Sie genoss die Ruhe dieses Ortes, wohlwissend, dass der September sie zurück in die unerbittliche „Hölle der Höllen“ führen würde: zum legendären Ar-Men.

Geschichte: Hans Peylo
2026
AUGUST