Als Marie Durand im Juni erneut die Insel Ouessant betrat, fühlte sie sich, als würde sie eine Schwelle in eine andere Welt überschreiten. Die beklemmenden Schatten von Tévennec lagen hinter ihr, und die milde Junisonne tauchte die karge, baumlose Landschaft der Insel in ein fast unwirkliches, leuchtendes Grün. Ihr Ziel war das äußerste Westende der Insel, die Landzunge Pointe de Pern, wo eines der mächtigsten Bauwerke der gesamten Seefahrtsgeschichte wacht: der Phare du Créac’h.
Schon aus kilometerweiter Entfernung war er unübersehbar. Mit seinen breiten, markanten schwarzen und weißen Querstreifen steht er da wie ein unbezwingbarer General zwischen den schroffen Granitklippen. Er ist kein Turm, der sich schüchtern im Dunst versteckt; er ist eine Machtdemonstration des menschlichen Willens und der Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts.
Marie setzte sich ins hohe, vom Wind zerzauste Gras, während die schwarzen Schafe von Ouessant friedlich um sie herum weideten, und schlug ihr Journal auf:
„Créac’h ist kein bloßer Signalturm. Er ist der Dirigent eines gigantischen Orchesters aus Licht. Mit seiner Höhe von 55 Metern und seiner Position auf den steilen Klippen dominiert er den Horizont wie kaum ein anderes Bauwerk. Seine Streifen wirken wie die Uniform eines Admirals, der den Atlantik im Blick behält. Hier draußen, am westlichsten Punkt Frankreichs, scheint das Land zu enden – und das Licht übernimmt das Regiment über das Nichts.“
Marie verbrachte den gesamten Nachmittag im Museum für Leuchttürme und Seezeichen, das im ehemaligen Maschinenraum zu Füßen des Turms untergebracht ist. In den kühlen, unterirdischen Gängen, wo früher die gewaltigen Generatoren dröhnten, stand sie ehrfürchtig vor den ausgestellten Fresnel-Linsen. Diese wirkten auf sie wie kostbare, gigantische Diamanten, die von Meisterhand geschliffen wurden. Sie lernte, dass Créac’h einer der lichtstärksten Leuchttürme der Erde ist. Seine Optik besteht aus vier übereinanderliegenden Linsenebenen, ein technisches Wunderwerk, das seit 1863 stetig verbessert wurde. Sein Strahl reicht über 60 Kilometer weit in die Dunkelheit hinaus, zwei weiße Blitze alle zehn Sekunden, die den Seeleuten auf dem verkehrsreichsten Seeweg der Welt, der „Autobahn des Meeres“, den Weg weisen.
In ihrem Bericht für die „La Lanterne du Nord“ notierte sie:
„Es ist faszinierend zu sehen, wie die Technik hier zur reinen Kunst wird. Die tonnenschweren Linsen sind so perfekt ausbalanciert, dass sie fast lautlos auf einem Bad aus flüssigem Quecksilber rotieren. Ein kleiner Stoß würde genügen, um diese Masse in Bewegung zu setzen. Wenn die Nacht hereinbricht, legt sich das Licht von Créac’h wie ein schützendes Gitternetz über die tückische Iroise-See. Es ist kein nervöses Blinken, wie man es von modernen Warnlichtern kennt, sondern ein majestätischer, ruhiger Rhythmus, der den Puls der gesamten Region vorgibt. Es ist der Taktgeber für die riesigen Frachter und Tanker, die im Ärmelkanal navigieren. Ohne diesen Turm wäre dieser Teil des Ozeans ein schwarzes Loch, das alles verschlingt.“
Marie suchte das Gespräch mit einem der Museumsführer, einem ehemaligen Techniker. Er erzählte ihr, dass die Wärter früher stolz darauf waren, das „hellste Licht Europas“ zu hüten. Er berichtete von Nächten, in denen der Nebel so dicht war, dass die gewaltigen Nebelhörner des Turms, deren Schalltrichter noch immer wie Warnfinger in den Himmel ragen, die gesamte Insel zum Erzittern brachten. „Man hört das Licht nicht“, sagte er, „aber man fühlt die Kraft des Stroms, der es erzeugt.“
Besonders beeindruckt war Marie von der Atmosphäre, als die Sonne schließlich in einem glutroten Spektakel hinter dem Horizont versank. Das Blau des Himmels vertiefte sich in ein dunkles Indigo, und plötzlich, wie auf ein unsichtbares Kommando, erwachten die Prismen zum Leben. Die gewaltigen Lichtfinger strichen über das karge Land, die Häuser von Lampaul und weit hinaus auf das offene Meer, immer und immer wieder. Marie fühlte sich klein, fast winzig, aber seltsam geborgen unter diesem künstlichen Sternenhimmel.
„Hier auf Ouessant versteht man, dass Leuchttürme mehr sind als nur Orientierungspunkte“, schrieb sie als abschließenden Gedanken in ihr Journal. „Sie sind Monumente der menschlichen Zuversicht gegen die Gleichgültigkeit der Natur. Créac’h verkörpert die Hoffnung, dass kein Schiff im Dunkeln verloren gehen muss, solange wir Menschen bereit sind, dieses monumentale Feuer gegen die Schwärze brennen zu lassen.“
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