AR-MEN … HÖLLE der HÖLLEN

Als der September anbrach, änderte sich die Stimmung von Marie Durands Reise schlagartig. Die sommerliche Leichtigkeit von Le Croisic war nur noch eine ferne Erinnerung. Marie befand sich nun auf einem kleinen Fischerboot, das sich mühsam durch die schwere Dünung am westlichen Ende der Chaussée de Sein kämpfte. Ihr Ziel war ein Ort, der in der Welt der Leuchttürme als der ultimative Endpunkt gilt: Ar-Men.

Der Name ist bretonisch und bedeutet schlicht „Der Fels“. Doch dieser Fels ist kein gewöhnliches Eiland; er ist eine kaum aus dem Wasser ragende Granitnadel, die kilometerweit vom Festland entfernt mitten im Atlantik liegt. Als Marie den Turm zum ersten Mal am Horizont ausmachte, hielt sie unwillkürlich den Atem an. Er wirkte wie eine optische Täuschung, ein schmaler, grauer Finger, der direkt aus den schäumenden Wellen wuchs, ohne festen Boden, ohne Halt, umgeben von nichts als der mahlenden Gewalt des Ozeans.

Marie versuchte, trotz des heftigen Schwankens des Bootes, ihre Gedanken festzuhalten:

„Es gibt keine Worte, die die absolute Isolation von Ar-Men beschreiben könnten. Er steht nicht auf dem Meer, er scheint aus dem Zorn des Wassers selbst geboren zu sein. Wenn man ihn sieht, versteht man, warum die Wärter ihn die ‚Hölle der Höllen‘ nannten. Hier gibt es keinen Hof, keine Mole, keinen Quadratzentimeter festes Land. Nur den nackten Stein und den endlosen, grauen Horizont. Es ist der einsamste Außenposten der Menschheit.“

Marie hatte in den Archiven von Brest die unglaubliche Baugeschichte studiert, die mehr an ein Martyrium als an ein Bauprojekt erinnerte. Als die Ingenieure 1867 versuchten, die ersten Löcher in den Felsen zu bohren, konnten die Arbeiter pro Jahr nur wenige Stunden auf dem Riff verbringen. Oft mussten sie sich bäuchlings auf den nassen Granit legen und sich mit einer Hand an Eisenringen festklammern, während sie mit der anderen den Meißel hielten. Jede Welle drohte sie in den Tod zu reißen. Es dauerte ganze 14 Jahre, bis das Licht zum ersten Mal leuchtete. Der Turm ist so schmal, dass er im Inneren kaum Platz für eine Treppe bietet; die Wärter lebten in Räumen, die eher an Klosterzellen erinnerten.

In ihrem Bericht für die „La Lanterne du Nord“ schrieb sie mit tiefer Ehrfurcht:

„Das Leben auf Ar-Men war eine Prüfung für den menschlichen Verstand. Die Wärter lebten in einem ständigen Dröhnen. Wenn die Herbststürme im September losbrechen, erzittert der gesamte Turm unter den Schlägen der Wellen, die bis über die Laterne hinwegrollen. Das Geschirr tanzte in den Schränken, und das Quecksilberbett der Optik schwappte über. Manchmal vergingen Wochen, in denen kein Boot zur Ablösung durchkam. Die Männer waren Gefangene des Meeres, eingesperrt in einem Käfig aus Granit, während draußen die Welt unterging. Es wird erzählt, dass Wärter auf Ar-Men das Sprechen verlernte, weil das einzige Geräusch, das sie über Monate hörten, das unaufhörliche Brüllen des Windes war.“

Marie sprach später mit einem pensionierten Wärter, der die letzte Schicht vor der Automatisierung im Jahr 1990 miterlebt hatte. Er erzählte ihr von der „Stille danach“ – wie es war, wenn der Sturm sich legte und man nur das Ticken des Uhrwerks der Linse hörte. „Auf Ar-Men“, sagte er und starrte ins Leere, „bist du nicht mehr Teil der Welt. Du bist nur noch ein Teil des Lichts.“

Besonders eine Anekdote hielt Marie fest: Als der Turm einmal durch einen Blitzschlag beschädigt wurde und die Telefonverbindung abriss, waren die Wärter vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten. Sie behalfen sich, indem sie Nachrichten in Flaschen warfen, in der Hoffnung, dass die Strömung sie zur Insel Sein tragen würde. Es war eine Existenz an der äußersten Grenze dessen, was ein Mensch ertragen kann.

„Ar-Men ist das Denkmal des absoluten Widerstandes“, notierte Marie, während ihr Boot beidrehte, um die Rückreise anzutreten. „Er ist der Beweis, dass der Mensch selbst dort ein Feuer entzünden kann, wo die Natur es am leidenschaftlichsten löschen will.“ Als sie sich umblickte, sah sie das Licht von Ar-Men dreimal kurz hintereinander aufblitzen – ein kleiner, tapferer Stern in der heraufziehenden Septembernacht, der der Unendlichkeit des Atlantiks trotzte.

Geschichte: Hans Peylo
2026
SEPTEMBER