PERDRIX … SPIELBRETT des TEUFELS

Im April führte die Reise von Marie Durand sie in den Süden des Finistère, dorthin, wo die Küste ihren schroffen Charakter ein wenig ablegt und das Licht eine fast schon mediterrane Klarheit annimmt. Ihr Ziel war der kleine, malerische Hafen von Loctudy. Nach den monumentalen, düsteren „Höllen“ des Nordens wie La Jument oder Kéréon wirkte ihr nächstes Motiv, der Phare de la Perdrix, bretonisch Das Rebhuhn, beinahe wie eine Erholung für die Seele. Doch Marie hatte bereits auf ihrer erst kurzen Reise eines gelernt: Unterschätze niemals einen Turm, nur weil er freundlich aussieht.

Marie saß am frühen Vormittag auf einer sonnenwarmen Kaimauer im Hafen. Vor ihr, am Ende einer kleinen Felsnase in der Flussmündung des Odet, erhob sich ein quadratischer Turm, der sofort alle Blicke auf sich zog. Er trug ein auffälliges schwarz-weißes Schachbrettmuster, das ihn wie eine überdimensionale Spielfigur aus der glitzernden blauen See ragen ließ.

Marie, nicht nur investigative Journalistin, sondern nebenbei auch Hobby-Künstlerin, schlug ihr Journal auf und begann, die markanten Quadrate zu skizzieren. Ihre Bleistift glitt leicht über das Papier, fast so, als würde sie die Frühlingsbrise einfangen. Dann aber besann sie sich auf ihre Arbeit. Sie griff nach ihrem Tablet und schrieb:

„Er wirkt fast verspielt, wie ein Wächter, der den einfahrenden Fischern ein freundliches Lächeln schenkt. Ein Kontrastprogramm zum tiefen, ernsten Grau der bretonischen Riffe. Aber man darf sich von dieser fast kindlichen Heiterkeit des Musters nicht täuschen lassen. Das Schachbrettmuster – in der Seefahrt ‚Damiers‘ genannt – dient der maximalen Sichtbarkeit am Tag. Wenn die grelle Frühlingssonne auf dem Wasser glitzert und alles in ein silbriges Flimmern taucht, würden herkömmliche, graue Steintürme im Dunst des Horizonts verschwinden. La Perdrix hingegen bleibt ein unübersehbarer Ankerpunkt für das menschliche Auge.“

Sie sprach mit einem alten Fischer namens Yannick, der in der Nähe seine Netze flickte. Die Nadel flog rhythmisch durch das Garn. Er erzählte ihr mit einem rauen Lachen, dass der Turm seinen Namen den Rebhühnern verdankt, die früher in den unberührten Dünen dieser Küste nisteten. Doch während er sprach, wurde seine Stimme plötzlich ernst. Er berichtete Marie von den unzähligen Untiefen und tückischen Felsen, die sich nur knapp unter der glitzernden Oberfläche der Mündung verbergen. „Ohne das Rebhuhn“, sagte er und deutete mit einer schwieligen, von Salz zerfressenen Hand auf den Turm, „hätte der Boden dieser Bucht schon viel zu viele Planken unserer Kutter gefressen. Er ist unsere Lebensversicherung bei jeder Einfahrt.“

Marie notierte Yannicks Worte und fügte in ihren Bericht für die „La Lanterne du Nord“ hinzu:

„La Perdrix ist der Beweis, dass Schutz auch Ästhetik bedeuten kann. Er markiert nicht die gnadenlose Einsamkeit des offenen Ozeans, sondern die Erleichterung der Heimkehr. Während die Türme im fernen Fromveur Geschichten von Todesangst und heldenhaftem Überleben erzählen, flüstert La Perdrix Geschichten von Ankunft, vom Geruch nach Algen und frischem Fang und vom sicheren Hafen, der nur noch wenige Segellängen entfernt ist.“

In der Geschichte des Turms, die Marie in den lokalen Chroniken fand, entdeckte sie eine interessante technische Besonderheit: La Perdrix wurde bereits im Jahr 1915 automatisiert – Jahrzehnte vor seinen großen, berühmten Brüdern im Westen. Er war ein moderner Vorreiter in einer Welt, die damals noch stark von Handarbeit geprägt war. Doch trotz aller Technik blieb er für die Menschen in Loctudy ein zutiefst emotionales Symbol.

Als Marie am Abend beobachtete, wie das Licht des Turms zum ersten Mal in der dämmrigen Aprilnacht aufblitzte, spürte sie die seltene Leichtigkeit dieses Ortes. Es war ein Moment des Friedens in ihrer oft so stürmischen Recherche. Sie wusste jedoch, dass dieser Friede nur ein kurzes Luftholen war: Ihr nächstes Ziel im Mai würde sie zurück in die gefürchtete Raz de Sein führen, zu einem Ort namens Tévennec, um den sich Legenden von Wahnsinn, Geistern und einer dunklen Vergangenheit rankten.

AUSSCHNITT
APRIL