CAP FRÉHEL … DER STEINERNE RITTER

Im Juli führte die Reise von Marie Durand an die Nordküste des Finistère, dorthin, wo die Smaragdküste ihren Namen einer fast unwirklichen, tiefgrünen Färbung des Wassers verdankt. Ihr Ziel war das Cap Fréhel, eine gigantische Landzunge aus rötlichem Sandstein und schwarzem Schiefer, die wie ein steinerner Finger fast 70 Meter tief in den Atlantik stürzt. Nach der technologischen Dominanz des Créac’h auf Ouessant suchte Marie hier nach etwas anderem: der Symbiose aus jahrhundertelanger Geschichte und einer Natur, die so wild und ungezähmt war, dass sie den Menschen gleichzeitig einschüchterte und faszinierte.

Schon auf dem kilometerlangen Fußweg, der sich durch das Naturschutzgebiet zum Kap schlängelt, war Marie überwältigt von der Farbenpracht, die sie so im Norden nicht erwartet hätte. Der Juli hatte die weite Heidelandschaft in ein vibrierendes Meer aus goldgelbem Ginster und tiefviolettem Heidekraut verwandelt. Inmitten dieser leuchtenden Farben, die im warmen Sommerwind wogten, ragte der Leuchtturm empor – ein quadratischer, stolzer Turm aus rötlichem Granit, der weniger wie eine Navigationshilfe und mehr wie der Bergfried einer uneinnehmbaren mittelalterlichen Festung wirkte.

Marie suchte sich einen Platz am äußersten Rand der Klippen, weit genug entfernt vom tückischen Wind, um ihre Notizen zu machen, während unter ihr die Brandung mit einem dumpfen Grollen gegen den roten Fels schlug:

„Cap Fréhel ist kein Turm, der wie die ‚Höllen‘ des offenen Meeres direkt im mahlenden Strom um sein Überleben kämpfen muss. Er ist ein Turm, der die schiere Macht der Topographie nutzt. Da er auf diesen gewaltigen Klippen thront, erreicht sein Licht eine Feuerhöhe von über 100 Metern über dem Meeresspiegel. Er wirkt wie ein Schlossherr, der mit ruhigem, fast schon herablassendem Blick über sein riesiges Anwesen aus Wasser und Stein wacht. Hier am Kap verschmelzen das monumentale Bauwerk und der rötliche Sandstein zu einer untrennbaren Einheit, als wäre der Turm nicht von Menschenhand gebaut, sondern aus dem Fels selbst herausgewachsen.“

Marie vertiefte sich in die wechselvolle Geschichte dieses Ortes. Sie erfuhr bei ihren Recherchen, dass der heutige Turm bereits der dritte an dieser Stelle ist. Der erste wurde im 17. Jahrhundert unter der Herrschaft von Ludwig XIV. nach Plänen des berühmten Festungsbaumeisters Vauban errichtet. Damals befeuerte man das Licht noch mit Kohle – eine Sisyphusarbeit für die Wärter, die den Brennstoff die steilen Klippen hinaufschleppen mussten. Doch die Geschichte dieses Ortes ist auch eine der Zerstörung. Marie las mit Beklommenheit von den Ereignissen des 11. August 1944: Bei ihrem Rückzug sprengten die deutschen Truppen den Vorgängerturm vollständig. Der heutige Bau aus dem Jahr 1950 war somit für die Bretonen weit mehr als nur ein Leuchtturm; er war ein Symbol des Friedens und des Wiederaufbaus.

In ihrem Bericht für die „La Lanterne du Nord“ hielt sie fest:

„Man spürt hier eine ganz andere Art von Kraft als im sturmumtosten Fromveur. Es ist eine majestätische Beständigkeit. Die Luft ist erfüllt vom Geschrei der Tausenden von Seevögeln – Lummen, Alken und Krähenscharben –, die in den schwindelerregenden Felswänden direkt unterhalb des Turms ihre Jungen aufziehen. Sie scheinen im Einklang mit dem Rhythmus des Lichts zu leben. Wenn die Nacht hereinbricht, schneidet der Lichtstrahl des Cap Fréhel wie ein silbernes Schwert durch die Dunkelheit der Bucht von Saint-Brieuc. Es ist ein Leuchtturm der Eleganz. Sein Licht ist nicht nur eine Warnung vor den scharfen Kanten des Sandsteins, sondern ein Versprechen von Beständigkeit in einer Welt, die sich durch Kriege und Gezeiten ständig wandelt.“

Auf einem Aussichtsturm sprach Marie sprach mit einem alten Wanderer, der seit Jahrzehnten jeden Sommer zum Kap kam. Er erzählte ihr, dass man an extrem klaren Tagen von der Galerie des Turms aus nicht nur die Festung Fort-la-Latte im Osten sehen kann, sondern bis hinüber zu den britischen Kanalinseln Jersey und Guernsey blicken kann. „Dieser Turm verbindet Welten“, notierte sie später, während sie beobachtete, wie die untergehende Sonne den rötlichen Granit des Turms zum Glühen brachte. „Er verbindet das fest verankerte Land mit dem unendlichen, formlosen Ozean und die dunkle Erinnerung an die Trümmer von 1944 mit dem strahlenden, hoffnungsvollen Licht der Gegenwart.“

Mit dem Duft von salziger Meeresluft, warmem Stein und blühender Heide in der Nase schloss Marie ihr Kapitel für den Juli. Sie fühlte sich innerlich gestärkt für den August, der sie wieder weiter südlich führen würde, in die flacheren, salzverkrusteten Regionen um Le Croisic.

AUSSCHNITT
JULI